Systemische Familienberaterin für Einzel-, Paar- und Familienberatung. Digital & deutschlandweit.

Breathwork: Die perfekte Ergänzung zum systemischen Arbeiten

Trauma und Stress – Teil unseres Lebens

Trauma und Stress sind Erfahrungen, die zum Menschsein dazugehören. Niemand geht völlig unberührt durchs Leben. Ob durch belastende Kindheitserfahrungen, herausfordernde Beziehungen oder plötzliche Verluste – unser Nervensystem speichert, was wir erleben. Besonders dann, wenn wir uns in einer Situation überfordert, allein oder machtlos fühlen, kann unser System in einen Schutzmodus wechseln, der manchmal lange anhält.

 

Was machen Trauma und nicht vollendete Stresszyklen mit unserer Gesundheit?

Traumatische Erlebnisse oder nicht abgeschlossene Stresszyklen können sich tief in Körper und Psyche eingraben bzw. werden dort gespeichert. Unser Organismus reagiert darauf mit Anpassungen: Wir entwickeln Schutzmechanismen, die uns kurzfristig helfen, aber langfristig zu Symptomen führen können – etwa Daueranspannung, Erschöpfung, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme usw. Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft oder fällt in einen Zustand der Erstarrung. So werden nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unser Körper und unsere Gefühle beeinflusst.

 

Kognitive Einsicht ist nicht gleich Heilung

Viele Menschen haben ein gutes Verständnis dafür, *warum* sie so fühlen oder handeln, wie sie es tun. Sie wissen vielleicht, dass ihre Angst oder ihr Rückzug mit bestimmten Erfahrungen zusammenhängen. Doch das reine Verstehen auf der kognitiven Ebene bedeutet nicht, dass die Erfahrung *durchfühlt* und abgeschlossen ist. Heilung geschieht oft erst dann, wenn wir den Körper und das Nervensystem in den Prozess einbeziehen – wenn wir fühlen dürfen, was einst zu viel war.

 

Funktionale Atmung – Arbeiten mit dem Nervensystem

Hier kommt Breathwork ins Spiel. Funktionale Atmung ist weit mehr als „tief durchatmen“. Sie ist die bewusste Beschäftigung mit unserem Nervensystem. Über den Atem können wir direkten Einfluss darauf nehmen, wie unser Körper auf Stress reagiert. Wir lernen, zwischen Aktivierung und Entspannung zu wechseln, und erleben, dass wir Gestalter*innen unseres inneren Zustands sein können. So wird der Atem zum Werkzeug, das uns hilft, im Hier und Jetzt zu landen und Sicherheit im eigenen Körper zu finden.

 

Das Nervensystem verstehen

Unser Nervensystem arbeitet nicht linear, sondern in Mustern. Es gibt Zustände von Sicherheit und Verbundenheit (ventraler Vagus), von Aktivierung und Kampf-/Fluchtbereitschaft (Sympathikus) und von Rückzug oder Erstarrung (dorsaler Vagus). Traumatische Erfahrungen können dazu führen, dass wir in bestimmten Zuständen „steckenbleiben“. Über den Atem können wir diese Zustände sanft beeinflussen, ohne zu überfordern oder zu drängen.

 

Praxisbeispiele – Menschen neu begleiten

In meiner Arbeit begegnen mir oft Menschen, die aus belastenden oder traumatisierenden Familiensystemen kommen. Sie haben gelernt, sich anzupassen, Gefühle zu unterdrücken oder ständig in Alarmbereitschaft zu sein. Mein systemisches Handwerkszeug kommt nicht so recht ran, an das, was diese Menschen bei neuen Triggern erleben. Wenn der Trigger und die damit verbundenen Emotionen abgeebbt sind, können sie dies zwar reflektieren, aber der Hebel zur Auflösung ist das nicht. Der nächste Trigger kommt und die Reaktion ist die gleiche.

Das ist mein „Warum“ für das Thema Breathwork.

Durch Breathwork haben Menschen die Chance, zu erleben, wie es sich anfühlen kann, im eigenen Körper sicher zu sein– ohne dass sie alles erklären oder analysieren müssen. Ganz plakativ bedeutet das, das Trigger zu Situationen werden, die vorbeiziehen, ohne das Nervensystem in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Auch Menschen, die einen Verlust erlebt haben – sei es das Ende einer Beziehung oder der Tod eines geliebten Menschen – profitieren davon, über den Atem Zugang zu ihren Gefühlen zu finden. Der Atem hilft, sanft in Kontakt mit Trauer, Schmerz und auch mit Momenten von Frieden zu kommen, ohne überwältigt zu werden.

 

Breathwork ist kein Allheilmittel – das Bild vom tropfenden Wasserhahn

So kraftvoll Atemarbeit auch ist: Wir können noch so viel atmen, meditieren oder uns entspannen – wenn wir nicht hinschauen, woher der Stress eigentlich kommt, bleibt die Wirkung begrenzt. Es ist ein bisschen wie bei einem tropfenden Wasserhahn: Wir können immer wieder das Wasser aufwischen (Atemtechniken, Entspannung), aber wenn wir den Hahn nicht reparieren (also die Ursachen wie eine ungesunde Lebensweise, ein dysfunktionales Umfeld oder belastende Beziehungen erkennen und angehen), wird es immer wieder nass werden. Erst wenn wir die Stressoren identifizieren und bearbeiten, kann nachhaltige Veränderung entstehen.

 

Emotionales Bypassing und Dissoziation – wenn Atmen zur Flucht wird

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Breathwork kann – wie jede Methode – auch dazu genutzt werden, unangenehmen Gefühlen auszuweichen. Das nennt man emotionales Bypassing: Wir umgehen den eigentlichen Schmerz, indem wir uns mit Techniken beruhigen, ohne uns wirklich mit den zugrunde liegenden Emotionen auseinanderzusetzen. Oder wir dissoziieren, das heißt, wir „verlassen“ innerlich unseren Körper, um unangenehme Empfindungen nicht spüren zu müssen. Beides ist verständlich und manchmal sogar notwendig, um uns zu schützen – aber auf Dauer verhindert es echte Heilung.

 

Fazit

Systemisches Arbeiten bietet einen wertvollen Rahmen, um Zusammenhänge zu erkennen und neue Perspektiven zu entwickeln. Breathwork ergänzt diesen Ansatz für mich, indem es den Körper, Atem und das Nervensystem aktiv einbezieht. Doch erst wenn wir auch die äußeren Stressoren anschauen und bereit sind, uns unseren Gefühlen wirklich zuzuwenden, kann nachhaltige Heilung entstehen – traumasensibel, achtsam und im jeweiligen Tempo.

Sprechen Sie mich gern an, wenn Sie weitere Fragen rund um das Thema Breathwork haben.